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Niemand ist perfekt! |
| [PS] 01 - Winternacht |
| Geschrieben von: Ingalf Wedmannsson | |||
| Samstag, 12. November 2011 um 17:29 | |||
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Eisige Windböen zerpflücken den Rauch, der aus den Kaminen des verschneiten Thorwal aufsteigt. Gefrorene Gischt hat den Hafen in eine bizarre Eislandschaft verwandelt. Schon vor Wochen wurde das letzte Drachenschiff in die Bootsschuppen gezogen, um dort dem langen Winter zu trotzen. Die Stadt liegt im Dunkel. Nur aus dem Langhaus der Fu?rstenburg tönt noch ausgelassenes Geschrei. Wie zu jeder Wintersonnenwende hat Hetfrau Garhelt ihre Kapitäne und Fremde, die sich für den Winter in der Stadt einquartiert haben, in ihre Burg eingeladen, damit sie die längste Nacht des Jahres - die letzte Nacht des Hesindemonds mit Berichten über ihre Abenteuer verkürzen. Mit dabei, und zwar als Ehrengäste, sind Elgar 'Isinha' Arres, Rovena von Blautann, Ingalf Wedmannsson und Edric als Erkunder des Orklandes samt ihrem Gefährten Cadruel Morgenrot. Aber auch andere Fremde fallen in der Menge der Gäste auf. Ein Zwerg ist dabei, ein Geweihter des Boron und sogar ein Moha. Als erstes fordert Garhelt die Ehrengäste auf, von ihren Abenteuern zu berichten. Da die Geschichte der Erkundung des Orklandes in den letzten Monden mehr als einmal die Runde gemacht hat und Isinha es müde ist, ihre immer weiter gehenden Ausschmückungen richtig zu stellen, berichtet er statt dessen von seiner Flucht vor seinem alten "Herrn" aus Al'Anfa, dem Kampf mit Grumbald dem Groben und seiner Reise auf der Otta nach Thorwal. Die Geschichte findet - wie erwartet - reißenden Anklang. Dann beginnt Ingalf durch ein paar Premer Feuer vorgewärmt, von seinen Abenteuern zu erzählen. Er beginnt mit seiner Geschichte als er im Südosten des Kontinents auf Sephyra, Frumol und Kawi Randirion stieß. Von dort ging es zur Burg des bösen Magiers, um die Kinder der Müller zu retten. Natürlich ist ihnen das gelungen. Dann die Reise in die Khom, zu dem geheimnisvollen Kloster. Dort ging es in eine andere Welt. Auf einen riesigen Baum, einen von vielen. Dort haben sie Edric getroffen und der hat sich ihnen angeschlossen. Als sie dann wieder in Aventurien waren, haben sich die fünf getrennt. Und so schließt Ingalf mit der rhetorischen Frage wo wohl seine alten Freunde sind. Erstaunt hat Firutin mit angehört, dass dies anscheinend der Gefährte ist, von dem vor allem Sephyra immer wieder geredet hat. Aventurien ist kleiner als man so denkt! Aber ist es nur ein Zufall, oder haben die Götter so ein Treffen in die Wege geleitet? Doch zu welchem Zweck? Nun, die Pläne der Götter sind für die Sterblichen nicht zu durchschauen. Jedenfalls geht er zu Ingalf herüber, als dieser seine Erzählung beendet hat. "Ich habe sie vor anderthalb Jahren getroffen", teilt er ihm mit. Da er sich bewusst ist, wie so eine Eröffnung wirken kann, wenn sie von einem Boroni kommt, fügt er auch gleich hinzu: "Es ging ihnen gut." "Wo waren sie? Was haben sie gemacht? Ging es ihnen wirklich gut? Waren die drei noch zusammen? Wo habt ihr euch getrennt? Wo wollten sie denn danach hin?" Ingalf kann mit der Aussage des Boroni nicht viel anfangen. "Los, erzähl! Das wohl, das wohl!" Firutin atmet einmal durch. Hier wird er anscheinend nicht um etwas mehr Worte herum kommen, aber er beschränkt sich trotzdem auf das Nötigste. "Sephyra und Frumol waren in Havena. Es ging ihnen gut. Randirion habe ich später noch einmal getroffen und mich in Winhall von ihm getrennt. Er wollte dann auch nach Havena zurück. Aber das ist ein Jahr her." "Verdammt lange Zeit so ein Jahr, das wohl!" nickt Ingalf. "Schade, wo wir doch im Frühjahr noch in Havena waren. Ich hätte die drei gerne mal wieder in den Arm genommen und dem Kawi Kawi gezeigt, das wohl! Und haste was mit ihnen zusammen erlebt? Ein Abenteuer? Bei Swafnir, lass Dir doch nicht jedes Wort aus dem Mund ziehen!" Firutin runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf. "Ich folge Boron." Schon fragt er sich, ob es richtig war, überhaupt ein Gespräch mit dem Thorwaler anzufangen. "Na, dass ist zwar besser als Beorn, aber stumm biste doch nicht, oder?" Ingalf freut sich über das Wortspiel. Lustigerweise bleibt Firutin daraufhin stumm und schüttelt zur Antwort nur erneut den Kopf. In diesem Moment fordert die Hetfrau Beorn auf zu sprechen und Ingalfs Aufmerksamkeit ist dadurch von dem stummen Geweihten abgelenkt. Edric hält sich zurück, zum einen weil seine Gefährten die meisten seiner Erlebnisse schon berichtet haben, zum anderen weil ihm das Erzählen nicht liegt. Sollte er persönlich gedrängt werden, etwas zu erzählen, wird er berichten, wie er vor der heimatlichen Langeweile geflüchtet ist und wie er schließlich alleine in der anderen Welt feststeckte, bis Ingalf vorbeikam. Rovena schließt sich mit der Erzählung von den Erlebnissen im Anschluss an die Reise durch das Orkland an, als sie in Enqui auf der Makrele eingeschifft hatten und eigentlich zurück nach Thorwal wollten, wenn Beorn nicht gewesen wäre, dann aber durch den Seedrachen gerettet wurden und in Paavi gelandet sind, von wo aus sie aufgebrochen sind, dem Magier Olachtai das Handwerk zu legen und das Obsidianopfermesser des Efferdtempels zurückzuholen … Die Beorn-Geschichte wird zuerst mit freundlichem Gelächter kommentiert. Es kann halt Pech sein, einem thorwalschen Langschiff allein auf hoher See zu begegnen. Und als dann die Geschichte zu Ende ist kommentiert ein breiter Grauhaariger mit überraschend melodiöser Stimme. "Die Wege des Wogenwerfers sind wahrhaftig unergründlich. Beorn war sein Werkzeug, um euch auf den Weg zu Seinem heiligen Messer zu bringen." Respektvolles Gemurmel. Isinha runzelt die Stirn. Er hält nichts von einer derartigen "adleräugischen Spätsicht". Und noch viel weniger hält er davon, dass irgend ein Gott diesen Piraten dazu benutzt hat, sie auf einen auserwählten Weg zu bringen. Haben Götter dafür nicht geeignetere Wege? Er nimmt sich vor, in einer ruhigen Minute die Ahnen um Rat zu fragen. Rovena muss sich beherrschen, keinen respektlosen Kommentar abzugeben. Sie ist doch kein Spielball der Zwölfgötter! Dieser Pirat hat doch nur aus Eigennutz und Gier gehandelt, wer weiß, wo ihr früheres Seidenkleid, der Rosenquarz, der schöne Ohrring und die silberne Halskette abgeblieben sind! Hoffentlich hatte er an ihrem Fluch schwer zu leiden, wenn er ihn schon nicht umgebracht hat …! "Das wohl, das wohl, bei Swafnir!" nickt Ingalf. "Trotzdem hat sich Beorn nicht wie ein wahrer Thorwaler gezeigt, denn er hat mir meinen Schneidzahn genommen, das wohl!" "Ach, wir hängen alle so sehr an Besitz", seufzt der Grauhaarige. Er schaut an seine Seite, wo eine elfenbeinfarbene Leier steht. "Aye, das wohl, das wohl!" "Wohl erzählt!" kommentiert die Hetfrau beifällig, als die Gefährten fertig sind. "Dann lasst mich einmal schauen, wenn wir jetzt bitten können?" Die überblickt suchend die Menge. "Nein, Du noch nicht, Ohm Follker", wehrt sie ab, als der Grauhaarige sich erheben will. "Du kannst später für uns singen." Der Angesprochene setzt sich wieder. Garhelts Blick bleibt an einer Gestalt hängen, die sich bislang im Hintergrund gehalten hat. "Wie war es, Beorn, in Güldenland?" Ingalf fährt hoch, wo ist der Verräter? Er hat Beorn bislang nicht gesehen, was ihn aber nicht davon abhalten wird ihm eine Tracht Prügel zu verpassen. Beorn kann von Glück reden, dass die Waffen alle am Eingang gelassen wurden. Isinha hält den Thorwaler zurück und flüstert ihm zu: "Wenn schon eine Schlägerei, dann nicht hier drin. Und: Ich mache das. Oder kannst Du Dir für ihn eine größere Schmach vorstellen, als von einem 'Bücherwurm' bezwungen zu werden?" Ingalf schnaubt zornig, lässt sich aber zurückhalten. Rovena wird bleich und ihr hübscher Mund wird zu einem Strich in einer starren Miene. Ihre Hand krallt sich um ihren Ebenholzstab, während sie sich langsam nach dem Aufgerufenen umsieht. Mit verengten, funkelnden Augen fixiert sie den Pirat, ihr Puls rast. Es ist so leise, dass man ein Methorn fallen hören könnte, als Beorn, den man auch "den Blender" nennt, über seine letzte Fahrt nach Güldenland berichtet und von den seltsamen Menschen mit Kranichköpfen, die jenseits des sieben windigen Meeres leben. Kaum ein Flüstern ist es, dass Isinha entweicht: "Na, wer das glaubt …" Der zweifelnde Ton ist jedoch nicht zu überhören. Die letzte Begegnung mit Beorn liegt schon lange her, und Edric hängt nicht sehr an seinen Besitztümern. Doch jetzt, wo Beorn im selben Raum ist und noch dazu im Mittelpunkt steht, kommen in ihm Rachegelüste hoch. Wenn nur die Geschichte nicht so gut erzählt wäre …! Da springt plötzlich ein gewaltiger Thorwaler, eine Ingalf wohlbekannte Gestalt, Phileasson Foggwulf, der große Drachenführer, auf die Festtafel, biegt sich vor Lachen und ruft so laut, dass es auch der letzte im Langhaus hören kann: "Das ist das beste Seemannsgarn, das je gesponnen wurde. So wahr ich selber schon mit meiner Seeadler vor der Küste von Güldenland gekreuzt bin, die Menschen dort sehen aus wie wir, und du, Beorn, wärst bei den haarsträubenden Geschichten, die du hier zum besten gibst, besser ein Skalde geworden als ein Drachenführer!" Einen Moment herrscht eisiges Schweigen. Einen Thorwaler der Lüge zu bezichtigen ist die tödlichste aller Beleidigungen. Man hört das leise Scharren der Dolche, die langsam gezogen werden. (Alle anderen Waffen werden wohlweislich vor jedem Gelage eingesammelt.) Jeden Moment wird sich das Langhaus in ein Schlachtfeld verwandeln. "Das wohl, das wohl!" ruft Ingalf nun auch laut. "Zeig ihm wo der Schneidzahn hängt, bei Swafnir!" Ingalf macht sich bereit an der Seite seines alten Freundes in die Keilerei einzusteigen. Edric blickt sich um und sondiert die Lage. Wenn hier eine Schlägerei losgeht, will er nicht zur falschen Zeit am falschen Ort sein. Doch sollte sich die Gelegenheit ergeben, diesem Beorn eine zu verpassen, will er auch nicht gerade abseits stehen. Der Magier kennt die Gewohnheiten der Thorwaler von seiner langen Reise vor mehreren Jahren nur zu gut. Auch wenn die langen Fahrten mit Ingalf ihn davon überzeugt haben, dass besseres Benehmen durchaus von ihnen erlernt werden kann, so weiß er auch, dass man sich tunlichst von einer Meute sich prügelnder Thorwaler fernhält. Mit Argusaugen wacht er über die weitere Entwicklung in seiner unmittelbaren Umgebung. Rovena lässt Beorn nicht aus den Augen, der Griff um ihren Ebenholzstab wird lockerer. Wenn einer eine Tracht Prügel verdient, dann dieser Blender. Und ihr Stab kann sehr gezielt zuschlagen … Die Stimme von Hetfrau Garhelt durchdringt die Stille: "Ich werde nicht dulden, dass sich meine besten Drachenführer wegen solcher Lappalien die Kehlen durchschneiden. Beorn und Phileasson, ihr zählt zu den Drachenführern, die meine Thorwaler am meisten bewundern, und zahllose Lieder berichten von euren Heldentaten. Nun ist es an der Zeit festzustellen, welcher von euch beiden der Bedeutendste ist. Ihr sollt um ganz Aventurien reisen und gefährliche Abenteuer bestehen. Derjenige, der sich dabei als der bessere erweist, darf sich fortan König der Meere heißen und wird von mir reich belohnt werden. Heuert nun wagemutige Seeleute, Glücksritter und Söldner an, denn kein Mann und keine Frau aus eurem eigenen Gefolge soll euch auf dieser Reise zur Seite stehen. Nun rüste ein jeder ein Schiff aus und finde sich in 10 Tagen wieder in dieser Halle ein, dann werde ich euch die Regeln für euren Wettkampf nennen." "Du gehörst nicht zu diesem Phileasson seinem Gefolge?" Edric stößt Ingalf den Ellenbogen in die Seite. "Oder willst Du mit Beorn fahren?" Ein abenteuerlustiges Funkeln in den Augen überstrahlt den spitzbübischen Gesichtsausdruck Edrics. Für ihn steht fest: Hier ist er dabei! Erst schaut Ingalf seinen Freund wütend an - wie kann er ihn nur zu Beorn packen, schließlich hat er oft von seinem alten Kumpel Phileasson erzählt - dann beginnt er zu lachen: "Du willst mich foppen, das wohl!" Diebisch freut sich Edric über seinen gelungenen Scherz. Interessiert hat Firutin alles mit angehört. Ein "König der Meere" also. Na, das findet er gut, wenn auch nur, weil es die ketzerischen Al'Anfaner so richtig ärgern wird. Aber wer gewinnt, scheint für ihn, der er weder Beorn noch Phileasson näher kennt, ziemlich einerlei zu sein - es sind doch beides Thorwaler Piraten, die sich nicht viel um die Zwölfe, oder jedenfalls nicht um Boron, scheren. Nach Ingalfs vorigen Reaktionen und Rovenas Geschichte ist er nur ziemlich sicher, dass diese Gruppe so schnell wie möglich bei Phileasson anheuern wird. Da wird es der "Blender" schwer haben, zu gewinnen. Noch während Firutin darüber nachdenkt, versucht sich Ingalf schon zu Phileasson durch zu drängen: "Hey, alter Seebär, ich will mit! Und bei Swafnir, ich habe auch noch 'n paar Kumpels, das wohl!" Der Drachenführer schaut erst überrascht, dann haut er aber Ingalf begeistert auf die Schulter. "Ingalf, Du alter Kupferstecher, wie lange ist das her, dass wir uns gesehen haben?" "Fast zwei Jahre isses wohl her, war'n bisschen unterwegs, das wohl!" antwortet Ingalf. "Wie isses? Wir sind fünf, kannste uns brauchen?" Isinha gesellt sich zu den beiden, sagt aber zunächst nichts. Phileasson schaut sich Isinha aufmerksam an. "Ein Magier, hmm." Er kratzt sich am Hals. Dann grinst er. "Kannst Du was ab?" will er wissen. Ingalf lacht leise auf. 'Wenn Phileasson wüsste, was der abkann, das wohl! Und wenn er erst die anderen sieht …' "Frag das bei nächster Gelegenheit doch mal den Groben Grumbald." grinst Isinha zurück. "Für den hat's schon damals gereicht!" "Gute Antwort", lacht Phileasson. "Aber wenn Du ein Weichei wärst, wärst Du auch nicht heil durch das Orkland gekommen. Wer ist noch in eurem Trupp?" Noch bevor Isinha entscheiden kann, ob die Frage wieder an ihn, oder auch an Ingalf gestellt ist, reagiert der Thorwaler bereits. "Rovena, Edric, Cadruel! Kommt ma' her, wir brauchen euch, das wohl!" ruft Ingalf seine Gefährten herbei. Cadruel schaut Phileasson gelangweilt an und entgegnet: "Ihr interessiert mich nicht, aber den Nordmann brauch ich noch, ich schütze ihn." "Und wenn Ingalf dann mir den Rücken freihält, ist alles in Butter!" lacht Phileasson. "Bei Swafnir, wie in alten Zeiten!" lacht auch Ingalf. "Das wird ein Spaß, das wohl, das wohl!" "Nun, diese drei hier." kommentiert der Magier das Erscheinen der Hexe, des Hirten und des Elfen. "Und zusammen sind wir sehr daran interessiert, Beorn die 'Blende' zu verschließen!" fügt er noch hinzu. "Ein Mann braucht ein Ziel - und eine Frau ebenfalls", ergänzt Phileasson grinsend. Rovena dreht sich unwillig nach dem Rufer um, sie konnte Beorn nicht aus den Augen lassen. Diese funkeln immer noch zornig, als sie auf die Gruppe um Ingalf zugeht. "Hier bin ich", sagt sie und mustert den fremden Thorwaler prüfend. "Ihr seid also Phileasson, ich grüße Euch." Der prüfende Blick wird erwidert. "Und Du bist Rovena?" will der Thorwaler dann wissen. "Was kannst Du?" "Ein paar Dinge, die Du nie können wirst, das wohl!" entfährt es Ingalf. Phileasson zieht eine Augenbraue hoch. "Sie hat uns mehr als einmal von bösen Verletzungen geheilt." springt Isinha in die Bresche, ehe die Fragerei noch weiter geht. "Heilkunst ist immer willkommen!" konstatiert Phileasson erfreut. Rovena verengt die Augen bei Phileassons Frage und zieht spöttisch die Oberlippe hoch, die Mimik geht dann, als ihre Gefährten für sie sprechen, in ein Zähne entblößendes Lächeln über. "Es ist so wie meine Freunde sagen, ich kümmere mich um sie", spricht sie ruhig mit samtiger Stimme. "Was würdet Ihr denn noch von mir erwarten, wenn ich Euch begleite?" Edric war Ingalf nicht wirklich von der Seite gewichen, daher zuckt er zusammen, als er von ihm auf so kurze Distanz gerufen wird. 'Bin ich so unauffällig?' fragt er sich etwas verwundert. "Hier bin ich doch!" Oder sollte das eine Retourkutsche sein? "Na, hab' Dich gar nicht gesehen, das wohl!" grinst der Thorwaler. "Und Du bist?" will Phileasson wissen. "Edric", antwortet Edric. "Seit nun fast zwei Jahren mit Ingalf in Wüsten, Bergen, Steppen, Meeren und anderswo unterwegs." Edric bekommt auch einen von Phileassons Klapsen auf die Schulter. "Das ist gut, Kamerad. jetzt fehlt ja nur noch das ewige Eis!" Er grinst. "Wollen wir aber nicht hoffen." Edric kramt schnell seine Derographiekenntnisse zusammen, bevor er antwortet: "Das hängt davon ab, wann und in welche Richtung wir die Umsegelung anfangen. Wobei das mit der Umsegelung ja auch nicht ganz einfach wird …" fügt er beim Gedanken an die Erzählungen von einem unumschiffbaren Grenzgebirge an. Phileasson nickt beeindruckt. "Wohl gesprochen, Kamerad. Willkommen in der Mannschaft!" Er streckt seine Rechte aus. Edric schlägt mit kräftigem Händedruck ein. "Schon mal in einem Drachen gesessen?" Ist Phileassons Gegenfrage. "Unfreiwillig ja, Ihr habt's ja gehört", erwidert die junge Frau mit wieder aufflammendem Zorn. "Auf einem auch, aber das dürfte Euch weniger interessieren." Sie legt den Kopf schief. "Also?" spielt sie wieder auf ihre Frage an. "Nicht nur in, sondern auch auf einem! Und wie steht's damit bei Dir?" lautet Isinhas Gegenfrage. Er rechnet eigentlich nicht damit, das Phileasson da mithalten kann. "Auf einem Drachen, ja ja", erwidert Phileasson lässig. "Eine schöne Geschichte. Und nein, darüber wollen wir uns nicht streiten." "Ja, und Du warst ja auch um Güldenland, das wohl!" schlägt ihm Ingalf auf die Schulter. "Eben!" grinst Phileasson. Der Blick des Magiers lässt keinen Zweifel daran, dass er die Wahrheit gesprochen hat und von Phileasson erwartet, dies anzuerkennen. Zu einer Erwiderung lässt er sich aber nicht weiter herab. "Ihr werdet alle mit rudern müssen", erklärt Phileasson auch mit Blick auf Edric. "Was sonst noch kommt, weiß ich nicht. Aber wie ich Garhelt kenne, wird noch mehr auf uns warten." Nun zieht Rovena die Augenbrauen hoch und sieht zu Ingalf hinüber. Ingalf beachtet sie nicht, sondern ist ins Gespräch mit Phileasson vertieft. 'Das kann ja lustig werden', denkt sie, und 'Warum nehme ich mir Beorn nicht gleich hier vor? Ich könnte doch Surnia bei ihm vorbei schicken.' Sie hält schnell nach dem Piraten Ausschau. Phileassons Konkurrent ist von einer fast genau so großen Menschentraube umgeben wie Phileasson selbst. Und Rovena hat das ganz bestimmte Gefühl, dass es sehr viele ungehaltene Thorwaler geben würde, wenn sie jetzt irgendetwas tun würde, was den Wettkampf verhinderte. Sein Blick fällt auf Cadruel und er grinst. "Wenn ein Elf dabei ist, wird's bestimmt interessant. Dann fehlt nur noch ein Zwerg. "Zwerg ist schon da!" ertönt eine Stimme von hinten. Es entsteht Unruhe unter den Umstehenden, als sich ein rothaariger und -bärtiger Zwerg in einem einem sackartigen, schmutzig braunen Waffenrock durch die Menge drängt. "Eigor Sohn des Einulf, der Name", stellt er sich vor. "Die Menschen nennen mich immer nur Eigor Eisenbeiß." Sein Spitzname scheint ihm nicht unangenehm zu sein. Der Zwerg trägt eine speckige Ledertasche an einem Schulterriemen. An seiner Seite hängt eine Wurfaxt. "Wenn Du einen brauchst, um zu überleben …" ist die kühle Antwort des Elfen. Unwillkürlich macht die Hexe eine Schritt zu dem Elf hin. Dieser grobe Nordmann soll ihn ja in Ruhe lassen … Dankbar trifft sie sein Blick. Die kleine Gruppe um Phileasson ist eine Insel im Stimmengewirr lautstarker Debatten über dieses einzigartige Duell. Als Isinha sich umschaut, bemerkt er, dass sich Fürstin Garhelt in ihre Gemächer zurückgezogen hat. Und es stehen noch jede Menge anderer hier, die sich alle für die Mitfahrt bei Asleif Foggwulf Phileasson bewerben wollen. Aber auch Beorn wird kein Problem haben, eine Mannschaft zusammenzubekommen. Firutin beobachtet das Ganze weiterhin interessiert, aber ohne sich direkt bei einem der beiden zu bewerben. Er will erst eine Nacht darüber schlafen, um zu ergründen, ob es vielleicht Borons Wille sein mag, dass er sich beteiligt. Phileasson schaut sich um, bis der den Grauhaarigen mit der Leier entdeckt. "Holla, Ohm Follker, willst Du mich begleiten? Ohne Skalden, der alles besingt, wird es den Göttern keinen Spaß machen!" ruft er. "Natürlich!" entgegnet der Angesprochene. "Dachte schon, dass Du mich mithaben willst." Man kann jetzt sehen, dass Ohm Follker ein halbes Dutzend Wurfdolche in seinem breiten Gürtel trägt. Rovena tippt ihrem thorwalschen Gefährten deutlich auf den Oberarm. "Wir sollten uns Morgen alle mal miteinander unterhalten", schlägt sie ihm leise vor. "Du solltest uns sagen, auf was wir uns da eingelassen haben und was wir wissen und vorbereiten müssen. Ich habe keine Ahnung, was so ein Wettkampf bedeutet." "Aye, machen wir, das wohl, das wohl!" antwortet Ingalf. <<>>In der Nacht träumt Firutin intensiv vom Tod, von gewaltsamem Tod. Immer wieder wird er von finsteren Kreaturen zerstückelt, ausgeweidet, enthauptet. Und die neuen Bekanntschaften des Abends mit ihm: Phileasson, Ingalf, Edric, Rovena, Isinha, der Elf, der Zwerg, der Skalde, ein Moha, ein Nivese und ungezählte andere. Aber der Eingang in Borons Reich ist verwehrt. Immer wieder müssen sie zurück, sich zum neuen Kampf stellen. Und dann der letzte Traum, schon im Aufwachen: Die bekannte Gruppe steht in einem halbdunklen Raum. Ungezählte Ausgänge. Und Firutin weiß: Nur einer führt zum Ziel. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Nur er weiß den richtigen Ausgang. Firutin erwacht. Und beginnt sofort ein stummes Dankgebet an Boron und seinen Boten Bishdariel, die ihm einen solch deutlichen Traum geschickt haben, gerade als es notwendig war. Ja, sein Gott ist bei ihm und mit ihm, Er wird Firutin leiten. Erst dann lässt er sich den Traum noch einmal durch den Kopf gehen und überlegt, ob er seine Bedeutung richtig erfasst hat. Die Arten des Todes, die er erleben musste, sind sicherlich schlimm, aber er weiß: das ist nicht der Tod selbst, das ist das, was vor dem Tod kommt. Eine Warnung, eine Prophezeiung, ja, aber auch solche Leiden wird Firutin für Boron ertragen, wenn es denn Sein Wille ist. Nur was danach kam: davor schaudert es ihn. Daran will er nicht denken, aber er muss es. Warum sollten sie immer wieder zurückgewiesen werden? Warum sollte der Herr Boron ihnen den Weg in Sein Reich versperren? Und es waren nicht nur die anderen, die Ungläubigen, ob Thorwaler, Zwerg oder Nivese, auch Firutin selbst war dabei. Nur der letzte Traum macht ihm Hoffnung. Am Ende wird er der Gruppe doch einen Ausweg weisen können, sie aus dieser schrecklichen Wiederholung heraus in die wahre Ruhe führen können. Ja, sein erstes Gefühl hat ihn nicht getrogen: diese wahnwitzige Wettfahrt ist zum Scheitern verurteilt, zumindest die von Phileasson. Die Mannschaft wird ihr Ende finden, das ist sicher; aber es ist an ihm, sie in diesem Ende zu Boron zu führen. Eine gewaltige Aufgabe, sicherlich, doch er wird sich ihr stellen. Er dankt Boron erneut, für diese Aufgabe und für das Vertrauen seines Herrn. Rasch wäscht er sich mit dem eiskalten Wasser im Raum, kleidet sich an, schabt die frischen Haare von Kinn und Schädel und macht sich dann auf die Suche nach Phileasson Foggwulf. Er schafft es tatsächlich, den Kapitän allein zu treffen. "Hoho, ein Diener des Raben will uns begleiten! Das ist gut. Wenn es die Wettfahrt um ganz Aventurien sein soll, dann werden bestimmt nicht alle, die aufbrechen, auch ankommen. Wenn Du uns da zu Diensten sein willst, herzlich willkommen! Aber bist Du auch bereit, Dich ans Ruder zu setzen?" Phileasson scheinen die persönlichen Beweggründe Firutins überhaupt nicht zu interessieren. Der Boroni nickt. Er ist erleichtert, denn er hatte schon befürchtet, dass kein Platz mehr frei ist, wo doch so viele Thorwaler mitfahren wollten. Dass er noch nie ein Schiff gerudert oder gesteuert hat, kann sich Phileasson ja wahrscheinlich denken. "Gut!" Phileasson reicht Firutin die Hand. "Morgen früh werden wir mal auf der Seeadler schauen, wie wir alle so miteinander zurecht kommen." Firutin erwidert den Händedruck und nickt noch einmal. Er hält es nicht für nötig, dem Kapitän von seinem düsteren Traum zu erzählen - Phileasson ist sicher (noch?) nicht in der Lage, dem Unausweichlichen gleichmütig bis zuversichtlich entgegen zu sehen. <<>>Am nächsten Tag setzen sich die fünf zusammen. Sie schaut Ingalf fragend an. "Also, was haben wir uns da eingebrockt?" will sie wissen. "Soll diese Wettfahrt unsere Rache an Beorn sein? Ich hatte dazu ganz andere Vorstellungen …" Isinha sitzt stumm daneben. Aber ja, das interessiert ihn auch. Zwar kann er sich ungefähr vorstellen, wie das bei Met und Feuer ablaufen würde. Auch eine Wettfahrt als solche - ein paar Meilen die Küste hinauf und zurück - ist ohne weiteres eingängig. Aber das?! So blickt auch der Magier Ingalf erwartungsvoll an. "Ich auch, Mädel, kannst glauben, aber wenn Garhelt eine Entscheidung gefällt hat, dann können wir da nicht dran rütteln, das wohl!" antwortet Ingalf ungewohnt ernst. "Allerdings weiß doch keiner, was Beorn zustößt, wenn wir erst mal unterwegs sind …" Rovena zieht die Augenbrauen hoch und lächelt sarkastisch. "Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Phileasson für unsere Sache einspannen lassen würde", meint sie. "Was soll das ganze mit der Wettfahrt? Wie lange dauert so was? Es herrscht ja nicht gerade das beste Wetter für eine Seereise in einem offenen Schiff …" Ingalfs Antwort ist ungewohnt fatalistisch: "Die Hetfrau hat's bestimmt, dann wird es gemacht bis es zu Ende ist, das wohl! Wie lange das dauern wird weiß nur sie und Swafnir!" Es ist der jungen Frau anzusehen, dass sie diese Aussage nicht zufrieden stellt. Aber anscheinend will Ingalf nichts sagen oder weiß selber nicht, was auf ihn und seine Freunde zukommen mag. "Warum machen wir dann überhaupt dabei mit und verpassen Beorn einen Deckzettel auf unsere Art, wenn er wieder zurück ist?" "Ja, das ginge auch, das wohl!" stimmt ihr Ingalf zu. "Aber so eine Wettfahrt ist doch sicherlich ein Riesenspaß!" Zum ersten Mal meldet sich Cadruel zu Wort: "Es ist eine Prüfung und eine Stärkung. Wir werden geprüft werden, ob wir stark genug sind unserem zukünftigen Schicksal zu begegnen, und sollten wir es sein, gehen wir gestärkt daraus hervor. Es ist kein Zufall, dass wir hier sind."
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