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[Streuner] 01 - Der Auftrag
Geschrieben von: Chronist   
Samstag, 15. Juli 2006 um 17:26

Sephyra, Frumol und Randirion sitzen gerade beim Abendessen im separaten Speiseraum ihres Gasthauses und planen die Weiterreise zur Müllersfamilie am nächsten Morgen. Die Frage ist nur, ob die drei wieder die Küstenstraße nehmen, wie auf der Herreise oder ob es vielleicht schöner ist, zur Abwechslung zuerst die Straße nach Chefe im Landesinneren und von dort aus einen der Wege zum Ongalo zu nehmen. Nach Bandur an der Küste, wo ja die Mühle steht, führt dann ein Weg parallel zum Ongalo.

"Ich weiß nicht, wie es Euch geht," stellt Sephyra in den Raum, "aber  ich möchte nicht wieder die Küstenstraße entlang wandern. Die kennen wir doch schon." Sie sieht ihre beiden Gegenüber an.

"Ich würde schon gerne die Küstenstraße nehmen. Dort gibt es immer eine kühle Brise vom Meer und da wir die Straße schon einmal bereist haben, wissen wir, dass wir zügig vorankommen. Ebenfalls haben wir bei der letzten Reise nur nette Menschen getroffen." Bei den letzten Worten grinst er den Kavaljäre an.

Randirion grinst wegen der differierenden Meinungen der beiden.

'Nun, dann scheine ich das berühmte Zünglein an der Waage zu werden,' denkt er bei sich und äußert seine Vorstellung von ihrer Weiterreise: "Ich finde, Madame Lunos hat recht, Meister Pellocke, auch ich bin der Meinung, wir sollten diesmal den Weg durch das uns noch unbekannte Landesinnere nehmen. Wir haben es nicht eilig und wie schon bemerkt wurde, ist uns die Küstenstraße bekannt und offeriert keine neuen Eindrücke mehr."

Die Entscheidung ist noch nicht gefallen, als ein gut gekleideter Novadi den Raum betritt, offensichtlich keine der Bedienung und auch kein Gast des Hauses.

Rein interessehalber sieht sie auf, wer denn die kleine Gesellschaft zu stören beliebt. Als sie erkennt, dass es nicht die Bedienung ist, zieht sie missbilligend die Augenbrauen über der Nase zusammen, sagt aber nichts. 'Wenn er Kavaliere ist, wird er sich erklären!' denkt sie.

Auch Frumol dem Fremden stumm entgegen. Da es offensichtlich ist, dass der Fremde zu ihnen möchte, denn sonst hätte er den separaten Gastraum sicher nicht betreten, nickt Frumol ihm höflich grüßend zu.

Der Cavalliere schaut nur kurz auf, mustert den Neuankömmling einen Moment und grüßt ihn mit einem knappen Kopfnicken, lässt sich jedoch nicht weiter bei seinem Mahl stören.

Der Besucher räuspert sich: "Bitte verzeiht die Störung, die Dame, die Herren. Wenn es Eure Zeit erlaubt, so würde der Fürst gern heute Abend noch Eure Bekanntschaft machen. Bitte zeigt dieses Dokument bei der Wache vor, bitte aber nur an der Wache! Es geht um eine diskrete Angelegenheit."

Erstaunt mustert Frumol den Fremden an.

'Das ist ja mal etwas Neues. Der Fürst, soso. Warum sollte der Fürst uns empfangen? Ausgerechnet uns? Woher sollte er uns kennen, und könnte er von uns wollen?'

Sein Blick huscht zu Randirion und dann zu Sephyra hinüber.

'Auch der Bote scheint keinen Namen zu haben …' stellt er in Gedanken fest. '… diskrete Angelegenheit.'

Er legt ein gesiegeltes und mit tulamidischen Schriftzeichen beschriebenes Pergament auf den Esstisch. Dann macht er einen Schritt zurück.

Sein Blick mustert kurz das Dokument, dann schaut er den Boten erwartungsvoll an. Ganz so, als warte er, dass dieser fortfährt.

Dem Dokument widmet er keine Aufmerksamkeit - das läuft schließlich nicht weg.

Interessiert betrachtet Sephyra die Schriftrolle, ohne diese jedoch zu berühren.

Dann erwidert sie: "Worum geht es denn bei dieser 'diskreten Angelegenheit'? Und wie kommt Euer Fürst darauf, dass wir ihm helfen können und dies auf wollen?" fragt sie mit einem freundlichen Ton in der Stimme.

Gleichwohl macht sie keine Anstalten, dem Fremden einen Platz anzubieten, da er es offenbar vorzieht, stehen zu bleiben.

Randirion betrachtet den gut gekleideten Fremden etwas genauer, als dieser nach seinem förmlichen Auftritt das Pergament vor ihnen auf den Tisch legt, stellt sein Weinglas ab und erhebt sich mit einer angedeuteten Verbeugung.

"Excusez-moi, Monsieur, aber seid Ihr sicher, dass hier keine Verwechslung vorliegt?"

Etwas erstaunt wirft er einen Blick auf das gesiegelte Dokument und blickt dann den Novadi prüfend an.

"Gestattet, dass ich mich vorstelle: Cavalliere Randirion ya Calmatin. Mit wem haben wir das Vergnügen?"

"Meine Dame, meine Herren, mein Name ist H'rabin. Der Fürst schickt mich hin und wieder als Boten in diskreten Angelegenheiten, also in Angelegenheiten, die besser nicht öffentlich diskutiert werden. Worum es in diesem Fall geht, weiß ich nicht, aber ich bin ganz sicher, dass Ihr drei die gewünschten Gesprächspartner seid, obwohl meine Quellen eigentlich von drei Herren und einer Dame sprachen. Ihr seid doch diejenigen, die vor kurzem das Problem mit den Räubern bei der Burgruine Barlas gelöst haben, nicht wahr?" erklärt der Besucher.

"Erstaunlich, wie sich so etwas herum spricht," bemerkt Randirion nur und schaut kurz seine Gefährten an.

"Nun, es scheint so, als ob Ihr tatsächlich die von Euch Gesuchten gefunden habt, auch wenn mich frage, wie Ihr von unserem jetzigen Aufenthalt hier erfahren haben mögt. Doch sei es drum. Naturellement werden wir der Einladung Eures Fürsten nachkommen und uns sein Anliegen anhören."

Etwas zögernd noch greift der Cavalliere nach dem Pergament, um es sich näher anzusehen. Sollte es Großfürst Kulibin persönlich sein, der um ihre Dienste bittet?

Das Pergament sieht kalligraphisch beeindruckend aus. Lesen kann Randirion die Schriftzeichen aber nicht.

"Der Fürst wird erfreut sein, mein Herr. " H'rabin zögert einen Moment, so als ob er abwarten will, ob noch jemand etwas äußern möchte, bevor er geht.

Sephyra erhebt sich und in landestypischer Art verneigt sie sich leicht und erwidert in Tulamidia: "Richte Deinem Herren aus, dass wir morgen gern sein Anliegen anhören werden. Er soll uns einen Boten schicken, der uns geleiten wird."

Dann fragt sie noch: "Gibt es noch etwas? Wenn nein, werden wir unser Mahl in Ruhe beenden."

Damit komplimentiert sie H'rabin hinaus und nimmt wieder Platz.

Nachdem sie fertig gegessen hat, wischt sie sich die Hände ab und nimmt sich das Pergament. Sorgsam betrachtet sie es und versucht, die Zeichen zu deuten.

"Ähm, meine Dame, es ist wirklich dringend. Fürst Istav Kulibin von Khunchom erwartet euren Besuch noch heute Abend." Es ist H'rabin offensichtlich peinlich, so zu insistieren.

"Noch heute?" fragt sie mit einer nach oben gezogenen Augenbraue.

'Was kann so wichtig sein?' fragt sie sich.

Dann blickt sie ihre beiden Gefährten an und versucht, ihre Gedanke dazu zu erraten, während sie ein fragendes Gesicht macht.

'Wirklich?' Frumol ist überrascht. 'Das muss wirklich etwas Wichtiges sein …'

Er sucht den Sephyras Blick. In seinen Augen kann sie lesen, dass er überrascht ist.

"Warum dann dieses Pergament? Warum geleitet Ihr uns nicht direkt zum Palast?" lauten seine ersten Worte seitdem H'rabin den Raum betreten hat.

"Ihr werdet besser für den Fürsten wirken können, wenn man mich nicht mit euch zusammen gesehen hat. Ihr werdet es bestimmt verstehen, nachdem ihr mit dem Fürsten gesprochen habt. Und außerdem habt ihr noch nicht zu Ende gegessen."

Es ist nicht klar, ob H'rabin den letzten Satz ernst meint oder nicht.

"Ich darf also dem Fürsten berichten, dass ihr umgehend kommt?"

'… wenn man mich nicht mit euch zusammen gesehen hat', wiederholt er in Gedanken.

'Was soll das bedeuten? Er steht doch im Auftrag des Fürsten, oder etwa doch nicht? Und er will dem Fürst berichten. Warum dürfen wir nicht gemeinsam gesehen werden?' Frumol sucht bei H'rabin nach Anzeichen von Nervosität oder etwas gleichem.

Es ist kein bisschen Nervosität zu sehen. H'rabin wirkt - professionell.

Auch Frumol verabschiedet den Boten mit einem freundlichen Kopfnicken.

Der Cavalliere schaut Sephyra und Frumol kurz prüfend an und wendet dann seinen Blick auf H'rabin.

"Da es von so außerordentlicher Dringlichkeit zu sein scheint, richtet Eurem Herren, Fürst Istav Kulibin, aus, dass er uns heute Abend erwarten kann. Wir werden ihn nach dem Essen aufsuchen.

Ich gehe davon aus, dass die Palastwache, der wir dieses Pergament vorweisen sollen, uns direkt zum Fürsten führen wird?"

Die diskrete Angelegenheit, wegen der sie der Fürst zu sich einlädt, fängt an, ihn in stärkerem Maße zu interessieren, und da sie augenscheinlich nur direkt über den Fürsten persönlich davon erfahren werden, nun dann wird er sich zu dieser Audienz einfinden.

"Ich danke!" H'rabin verneigt sich. "Die Palastwache wird euch direkt zum Fürsten führen." Er dreht sich um und geht.

Unmittelbar nach dem H'rabin den Raum verlassen hat, steht Frumol auf und sieht ihm nach. 'War er alleine?'

'Der Mann ist wirklich gut', geht Frumol durch den Kopf. Es sind nur wenige Sekunden vergangen, bis Frumol nachschaut, aber H'rabin ist schon verschwunden. Niemand ist zu sehen, außer der Bedienung, die, als sie Frumol gewahr wird, schnell knickst und fragt: "Soll ich schon abräumen und Gebäck und Mokka bringen?"

"Noch nicht", antwortet der blonde Streuner. "Aber bringt bitte noch noch etwas Wein."

Er wendet sich wieder ab und setzt sich auf seinen Platz.

"Ich konnte ihn nicht mehr sehen" gibt er kurz angebunden bekannt.

'Wie hat er das nur gemacht? Wenn ich das auch nur könnte …' er spielt in Gedanken verschieden Szenen durch. 'Das Treffen könnte sich doch wirklich lohnen', es fängt langsam an wirklich interessant zu werden.

"Sehr wohl, der Herr!" Die Bedienung knickst noch einmal.

"Und?" fragt Sephyra, als Frumol zurückkehrt. "Gehen wir heute Abend aus und besuchen den Fürsten?" Versonnen dreht sie die Schriftrolle in den Fingern. Dann - aus einem plötzlichen Impuls heraus - reicht sie sie dem Kawaljere. "Hier. Ihr könnt das sicher am Besten verwahren."

Randirion, der wieder am Tisch Platz genommen hat, nachdem H'rabin den Raum verließ, nimmt das Pergament gedankenverloren entgegen und steckt es ein. Nachdenklich dreht er am Stiel seines Weinglases.

"Machen wir uns gleich nach dem Essen auf den Weg?" fragt er unvermittelt und blickt auf.

"Nun, der Bote sagte 'unverzüglich', oder?" Sephyra grübelt. "Das heißt hier etwas ganz anderes als ein bestimmtes 'sofort'. Außerdem sehen es die Tulamiden als eine Art 'Pflicht' an, etwas zu spät zu kommen. Allerdings muss man schon wissen, ob man eine genügend hohe Position hat, sich das zu erlauben. Ich glaube, die haben wir hier. Kommen wir sofort nach dieser eigenartigen Aufforderung zum Fürsten, sieht es so aus, als hätten wir dringend einen Auftrag nötig. Haben wir aber nicht. Er will etwas von uns und ohne genaue Erklärung der Dringlichkeit, tja. Zur Not hat er Pech gehabt." zuckt sie mit den Schultern.

"Oder sind wir etwa Mietlinge, die auf den ersten Ton springen müssen? Nein!"

Sie lehnt sich zurück und nippt an ihrem Wein.

"Das mag ja sein" sagt der blonde Streuner und setzt sich ebenfalls wieder auf seinen Platz.

"Aber es ist immerhin der Fürs/!" wendet er ein und greift nach dem Wein. Allein schon der Gedanke den Fürsten zu sprechen erschien ihm noch vor kurzer Zeit eine Unmöglichkeit. Nun wird er sogar zu ihm zitiert. Und das in einer delikaten Angelegenheit.

"Ich meine, wir können ihn doch nicht warten lassen, Etikette hin oder her …" hiermit beweist Frumol wieder, dass er im Umgang mit dem Adel keinen Schimmer hat. Sicher er kommt mit seinesgleichen gut zurecht, aber mit den Hochwohlgeborenen dieser Welt hat er nichts am Hut!

Er nimmt einen Schluck vom Wein.

Sie lächelt ihn an und fragt: "Seit wann machst Du Dir denn etwas aus der 'Obrigkeit'? Er will etwas, er wird es bekommen, und das heute noch. Also, was wollt Ihr?"

"Da meine ich doch." bestätigt Frumol lächelnd. "Warum reden wir soviel darüber?"

"Wir beenden unser Mahl in aller Ruhe und machen uns dann auf den Weg."

Frumol greift zu der Karaffe mit dem Wein und wiegt sie einen Moment in der Hand bevor er sich nachschenkt.

'Gut, dass gleich noch Wein kommt.' Er lächelt stumm in sich hinein.

Der Wein kommt noch und dann noch Gebäck und Mokka. Es war ein delikates Abendessen.

Sofort anschließend machen sich die drei auf den Weg zum imposanten Fürstenpalast. Von Wächter zu Wächter werden sie umgehend und mit größter Höflichkeit weitergereicht, bis sie schließlich wieder bei H'rabin landen.

"Willkommen, Frau Lunos, Herr Pellocke, Dom ya Calmatin", er nickt den dreien nacheinander zu, "wir werden sofort dem Fürsten unsere Aufwartung machen, aber zuerst sollte ich ein paar Hintergrundinformationen geben."

'Ah, wie das doch klingt, vor dem Kavaljäre genannt zu werden …' grinst Frumol in sich hinein.

Er schaut die drei prüfend an und beginnt, als kein Widerspruch kommt, mit seinem Vortrag:

"Also, Schuld an den Problemen, weswegen der Fürst euch auf meine Empfehlung hin, hierher gebeten hat, war wie so häufig die Neugier - diesmal allerdings keine gewöhnliche Neugier, sondern die hoch herrschaftliche Wissbegierde unseres hochgeschätzen Prinzen Selo von Khunchom, Rastullah senge seinen Weg, der sich partout nicht mit den von Alters her überlieferten Gebräuchen seiner Heimat abfinden mochte."

"Ihr müsst wissen, in den Südostregionen Aventuriens ist es nämlich üblich, dass sich alle Brautleute zum erstenmal im Leben nach vollzogener Trauung zu sehen bekommen. So früh wie möglich - meistens gleich nach der Geburt - werden die Kinder einander versprochen. Von nun an achten die Eltern streng darauf, dass die zukünftigen Eheleute einander niemals begegnen. Bei der Hochzeit im Rastullah-Tempel tragen Braut und Bräutigam schwarze bodenlange Schleier, die erst abgenommen werden dürfen, nachdem der Priester die Zeigefingekuppen des Paares angeritzt und aufeinander gelegt, die Schwarzvermummten laut singend dreimal umtanzt und dabei reichlichst mit geweihter Stutenmilch besprenkelt hat - kurzum, nachdem die Zeremonie vollzogen ist und es kein Zurück mehr gibt."

"Das rituelle Ablegen der Schleier ist natürlich immer ein mit Spannung erwarteter Schlusspunkt, wenn auch nicht unbedingt ein Augenblick höchsten Glücks für alle beteiligten. gelegentlich sollen in diesem Moment unterdrückte Schreckenslaute zu hören sein; von Prinz Selos Mutter heißt es, sie sei auf der Stelle in eine halbstündige Ohnmacht versunken."

H'rabin verzieht bei dieser kleinen Anekdote keine Miene.

"Aber - was immer ihr Nordaventurier dagegen einwenden mögt - so wird in Khunchom und Thalusa nun einmal geheiratet. Die Bauern- und die Krämerfamilien halten es so, und von den Herrschaftshäusern erwartet man erst recht, dass sie die guten Sitten wahren. Soweit alles klar?"

H'rabin macht eine kleine Pause.

Frumol schüttelt ob dieser merkwürdigen Sitten leicht den Kopf, doch welche Rolle sie in dieser ganzen Geschichte spielen (sollen) hat er noch nicht herausgehört.

Ihr war zwar immer bewusst, dass es in den tulamidischen Reichen strenger zugeht, als irgend wo sonst, wenn es um Ehe und Partnerschaft geht. Aber das?!

Sephyra bleibt der Mund offen stehen und mit schreckgeweiteten Augen sucht sie instinktiv Frumols Hand, findet sie und drück sie fest.

Dann bekommt sie sich langsam wieder in die Gewalt und meint zu H'rabin: "Ich sehe Euer Problem bildhaft vor mir!" mehr bringt sie aber nicht heraus, sondern starrt ihn nur an. 'Unfassbar! Dass das die Paar mit sich machen lassen. Der Prinz scheint ein gescheiter Bursche zu sein!'

Der Cavalliere hat H'rabins Vortrag aufmerksam zugehört. Er zieht eine Augenbraue hoch. 'Die delikate Angelegenheit hat also mit der Neugierde Prinz Selos zu tun …' sinniert er und mustert den Novadi.

"Eure Ausführungen lassen mich vermuten, dass Prinz Selo die guten …"er räuspert sich kurz, "… Sitten Eures Landes missachtet hat. Alors, dann wäre es nun von weiterem Interesse zu erfahren, in welcher Obliegenheit Euer Herr, Fürst Kulibin, unsere Bekanntschaft zu machen wünscht."

Randirions Augen blitzen neugierig auf.

"Nun ja", nimmt H'rabins seinen Bericht wieder auf. "Eure Vermutungen gehen in die richtige Richtung. Sobald Prinz Selo Kulibin von Khunchom seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert hätte, sollte er mit Prinzessin Shenniba von Thalusa vermählt werden, und je näher dieses Datum rückte, desto unbehaglicher wurde dem Prinzen zumute. Da er die Eltern seiner Zukünftigen als Knabe einmal gesehen hatte, erhoffte er nichts Gutes von jenem großen Ereignis. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er, obwohl er einen, ähm, knollennasigen, breitschädligen und dickleibigen Vater hat, dennoch zu einem hübschen jungen Burschen herangewachsen ist.

Prinz Selo erwartete, in der Prinzessin ein Spiegelbild der Fürsten von Thalus vorzufinden - eine niederschmetternde Vorstellung, so sprach er es mehrfach aus!"

Frumol nickt bei den Ausführungen H'rabins. Er kann den Wunsch - und die Befürchtungen des jungen Prinzen nachvollziehen.

"Von diesem Punkt meines Berichtes an sind wir auf Mutmaßungen angewiesen", fährt H'rabin seinen Bericht fort. "Um sich nun für den Augenblick der Enthüllung zu stählen (oder vielleicht auch, weil er im Innersten hoffte, dass seine Aussichten doch nicht ganz so trübe wären), fasste Prinz Selo offenbar einen wagemutigen Plan: Er beschloss, heimlich nach Thalusa zu reisen und in den Palast Fürst Kasans einzudringen, um einmal einen unverbindlichen Blick auf die Prinzessin zu werfen.

Anschließend wollte er dann wohl entscheiden, ob er den Tag der Heirat in Ruhe erwarten oder lieber ein Leben als Abenteurer auf Aventuriens Straßen beginnen sollte."

H'rabin verzeiht beim letzten Satz leicht die Lippen.

'Ein Mann der Tat', schmunzelt der blonde Streuner. Auch er hätte wahrscheinlich an dessen Stelle genauso gehandelt.

"Eine interessante Geschichte", entgegnet er, während sich seine dünnen Finger weiter unstet bewegen, bemüht die hiesigen Gebräuche nicht zu beschmutzen.

"Der Fürst bittet uns sicher nicht nur zu Mokka und Keksen in den Palast. Das währe ohne Zweifel eine delikate Angelegenheit, befürchte ich, das ihr Eure Erzählung noch fortsetzten wollt." fordert er sein Gegenüber auf fortzufahren.

"So ist es!" H'rabin nickt. "Prinz Selo verkleidete sich als Streuner und legte sich den Namen Stipen Drosh zu. Das haben wir herausgefunden.

Er gelangte nach Thalusa und schaffte es tatsächlich, einen Weg in die fürstlichen Gemächer zu finden. Wie ihm das gelang, ist völlig unklar.

Es ist eine beachtenswerte Tat, denn, im Vertrauen, Fürst Kasan lebt in krankhafter Furcht vor Attentätern und hat darum seinen Palast wie eine uneinnehmbare Festung gesichert. Als Prinz Selo aber die Prinzessin, die ihrer Mutter gar nicht so ähnlich sieht, erblickte, vergaß er anscheinend plötzlich den zweiten Teil seines Planes (sich ebenso heimlich, wie er gekommen war, wieder davon zu schleichen). Er versteckte sich vielmehr und besuchte Prinzessin Shenniba nachts in ihrem Schlafgemach."

Frumol muss bei diesen Worten breit grinsen.

"Dann scheint er nicht gleich in Ohnmacht gefallen zu sein, als er die Prinzessin erblickte …", Frumol grinst noch immer.

"Ganz im Gegenteil", H'rabin schafft es auch nicht, ernst zu bleiben.

'Gar nicht dumm, das Bürschchen!' denkt sich Sephyra, ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen, als sie sich vorstellt, wie der verkleidete Prinz das Gemach der Prinzessin "stürmte".

Während des gesamten Vortrags enthält sie sich eigener Meinungsäußerungen. Allerdings denkt sie immer wieder nach, was denn der Fürst nun tatsächlich von ihnen wollen wird.

Der Cavalliere stößt einen leisen Pfiff aus.

"Olala, ein wagemutiges aventure, angesichts eurer gestrengen Sitten. Es blieb nicht unentdeckt, nehme ich an, und Prinz Selo befindet sich nunmehr in einer prekären Situation?" ergänzt er sinnierend.

Langsam beginnt er zu ahnen, weswegen Fürst Kulibin nach ihnen geschickt haben könnte.

"Ganz genau, Dom!" H'rabin muss glucksen. "Es hat den Anschein, dass die beiden sich daran machten, eine vorgezogene Hochzeitsnacht feiern zu können - denn die Prinzessin empfing den Eindringling keineswegs mit lauten Hilferufen, die ihr wohl angestanden hätten. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie sie aufgeregt flüsterte 'Fremder Herr, was habt ihr mit mir vor?' - doch die" - und hier wird H'rabin wieder ganz ernst - "sittenlosen Fürstenkinder hatten die Rechnung ohne die Lauschkanäle und -schächte gemacht, die den Fürstenpalast wie Holzwurmgänge durchziehen. So dauerte es nur kurze Zeit, bis Fürst Kasan an der Spitze seiner Palastwache ins Zimmer stürzte."

'Lauschkanäle, hm …' sinniert Randirion und zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.

"Das ist allerdings delikat und in höchstem Maße ein Malheur," meint er. "Fürst Kasan wird nicht gerade erfreut gewesen sein, Prinz Selo im Zimmer seiner Tochter zu erblicken."

Und nach einer kurzen Pause fragt er bedächtig weiter: "Doch was geschah dann und was haben wir damit zu tun?"

H'rabin zuckt die Achseln. "Was folgte, ist rasch erzählt. Der vermeintliche Streuner wurde wegen seines unglaublichen Frevels auf der Stelle ins Loch gesteckt und zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung soll" - H'rabin rechnet kurz nach - "heute in vierzehn Tagen stattfinden.

Fürst und Fürstin, die den Prinzen zuletzt vor sechs Jahren gesehen hatten, erkannten ihn nicht, und alle seine Beteuerungen und Verweise auf seine fürstliche Abstammung nutzten ihm nichts."

'Tja, das passiert, wenn man so dumm ist und sich erwischen lässt …'

Frumol muss an einige Gegebenheiten denken, an denen auch er schon fast erwischt wurde. Jedoch ist er bisher auch noch nie in den Palast eines Fürsten eingestiegen!

"Wie wir sicher wissen, hat der Elf Dolguruk, seines Zeichens Scharfrichter von Thalusa, damit begonnen, die kultischen Instrumente - den tausendjährigen Zweihänder und die Güldene Blutschale - zu putzen und auf Hochglanz zu bringen, denn das zeremonielle Gerät muss in einwandfreiem Zustand sein, sonst kann die Hinrichtung nicht stattfinden."

Mit Unverständnis und Entsetzen hört der Cavalliere der Rede H'rabins wortlos zu.

'Eine Galgenfrist von nur vierzehn Tagen …' sinniert er, sein Gesicht hat angesichts dieser rigorosen Sitten eine leichte Blässe angenommen. Und der Scharfrichter soll noch dazu ein Elf ein, einfach unfassbar … Randirions grün-irisierende Augen funkeln, als er H'rabin zweifelnd ansieht.

'Ein Elf als Scharfrichter. Und das so Nahe der Wüste.' der blonde Streuner hätte niemals einen schlanken Elf in einem solchen Amt vermutet. 'Aber das ist nebensächlich. Das spannende Ende fehlt noch: Was will der Fürst von uns?'

H'rabin erhebt sich: "Meine Dame, meine Herren, nachdem ihr jetzt in den Hintergrund eingeweiht seid, der - das versteht sich von selbst - absolut geheim bleiben muss, können wir zu meinem Herren und Fürsten Istav Kulibin von Khunchom gehen, der eine dringende Bitte die Rettung des Prinzen, seines einzigen Sohnes und Erben, betreffend an euch hat."

'Sollen wir etwa den Jungen retten?' der Streuner schaut Sephyra fragend aus seinen blauen Augen an - ob sie das gleiche denkt wie er?

'Warum schickt der Fürst nicht einen Boten? Schließlich ist er der Fürst!

Er braucht doch nur jemanden schicken der gegenüber Fürst Kasan bestätigt, dass Prinz Selo sein Sohn ist. Dann noch ein Kiste Gold als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten und die Sonne lächelt wieder. Im schlimmsten Fall muss der Fürst Kulibin halt selbst die Reise antreten … Was haben wir damit zu tun.' der Streuner hat kein Verständnis für diesen ganzen Aufstand. Die Angelegenheit ließe sich - nach seinem Ermessen - doch ganz einfach regeln.

Dennoch schickt er sich an, H'rabin zu folgen. Schließlich hat er noch nie einen Fürsten gesehen. Vielleicht kommt er auf diesem Weg zu einem weiteren Andenken …

Sephyra war die ganze Zeit sehr still. Ihr will diese verzwickte Familienplanung der Herrscherhäuser nicht so recht verständlich werden.

'Weshalb dürfen sich die Versprochenen nicht vorher sehen?' fragt sie sich. 'Wo sich doch niemand den Beschlüssen der Familienoberhäupter widersetzt?'

Noch immer in Gedanken versunken folgt sie Frumol.

"Naturellement wird die Angelegenheit von uns mit Diskretion behandelt."

Randirion wirft einen kurzen Blick hinüber zu Sephyra und Frumol, während auch er sich erhebt.

"Alors, bringt uns zu Fürst Kulibin und lasst uns hören, welches Ansuchen seine Hoheit an uns hat."

Das Schicksal des jungen Prinzen geht ihm nahe und er ist durchaus bereit, sich der Obliegenheit anzunehmen. Es kann doch nicht angehen, dass dieser junge Mann wegen eines amourösen Abenteuers mit seiner Zukünftigen sein Leben lassen soll …

Verstehend nickt Sephyra über die Ausführungen des Kawaljere.

'Genau, wenn die beiden ohnehin heiraten werden. Was ist schon dabei?' geht ihr durch den Kopf. 'Viel interessanter ist die Frage, was wäre, wenn sie nicht heiraten würden?'

Dabei muss sie unwillkürlich lächeln und zu Frumol schauen, dessen Hand sich immer noch in ihrer eigenen befindet - oder umgekehrt.

Auf den zufälligen Beobachter kann diese Szene schon missverständlich wirken, so dass sie schnell sagt: "Ja, führt uns zum Fürsten. Auf dass dem jungen Prinzen Recht geschehen kann."

Der Fürst sieht wirklich genauso aus, wie H'rabin ihn beschrieben hat: knollennasig, breitschädlig, dickleibig. Er ist in kostbarste Gewänder gehüllt und schaut äußerst sorgenvoll darein. Als die Besucher den kleinen Audienzsaal betreten, hellt sich sein Gesicht auf.

'Oh je. Ein Genuss für die Augen ist der Fürst ja nicht wirklich. Kein Wunder, dass der Prinz sich von der Schönheit seiner Zukünftigen überzeugen wollte.'

"Da sind ja die Problemlöser! Willkommen, im Namen Rastullahs, des Allerhöchsten!" begrüßt er die drei.

Der Cavalliere zieht vor dem Fürst seinen breitkrempigen Federhut, führt ihn vor die Brust und macht eine ausladende, formvollendete Verbeugung.

"Möge der Segen Rastullahs und der Zwölfgötter mit Euch sein, Euer Hoheit," begrüßt er Fürst Kulibin in respektvollem Ton. "Darf ich mich vorstellen? Cavalliere Randirion ya Calmatin aus dem Alten Reich, und dies sind meine Gefährten, Domna Sephyra Lunos und Meister Frumol Pellocke."

Er weist mit einer ausschweifende Geste auf Sephyra und Frumol.

Auf ihre Vorstellung hin verbeugt sich Sephyra in landestypischer Weise und sagt auf Tulamidia: "Es ist mir eine große Ehre, Euer Exzellenz kennen zu lernen." - 'Euer Exzellenz … oder war es Euer Hoheit?' sie kann sich einfach nicht an die richtige Anrede erinnern.

Bei seiner Vorstellung verneigt sich Frumol vor dem Fürsten. Da der Cavalliere so gut mit Wörtern umgehen kann, hält sich Frumol im Hintergrund.

Er fordert die Ankömmlinge auf, Platz zu nehmen. H'rabin serviert gesüßten Tee.

"H'rabin hat Euch über die missliche Lage meines Sohnes informiert?" fragt er, nachdem alle genippt haben.

Der blauäugige Streuner setzt sich und lehnt sich gemütlich zurück. Seine Beine hat er von sich gestreckt, mit der Linken greift er nach dem Tee um daran zu nippen. Er ist gespannt, was der Fürst zu sagen hat und schaut sich in dem Raum um.

Die Frage ist offensichtlich rhetorisch gemeint, denn er fährt gleich fort: "Prinz Selo hat noch eine hauchdünne Chance. Ich habe ein Schreiben aufgesetzt, welches die Angaben des Streuners Stipen Drosh eindeutig bestätigt und in dem ich darum bitte, den jugendlichen Übermut meines Sohnes zu entschuldigen. Wenn ihr diese Dokument dem Fürsten Ras Kasan von Thalusa überbringt und damit das Leben des Prinzen rettet, werden ihr von mir 200 Dukaten erhalten. Wenn Ihr wollt, könnt ihr euch auch jeder ein Shadif aus meiner Zucht aussuchen."

'Das sollte doch nicht so diffizil sein, Fürst Kasan ein Dokument zu überbringen … ein fürstlicher Lohn, für jeden ein Shadif …' geht Randirion durch den Sinn, während er mit ernster Miene Fürst Kulibin zuhört.

'Einen Brief überbringen und dafür 200 Dukaten bekommen ist sicher ein fürstlicher Lohn.' staunt Frumol. 'Das klingt nicht weiter schwierig … Aber was soll ich mit noch einem Pferd? Sir Alrik wird sicher neidisch werden und so ein fürstliches Shadif kann man sicher schlecht verkaufen!'

Der Fürst betrachtet kurz die drei.

"Ihr wollt wissen, warum ich nicht einen meiner eigene Sendboten schicke oder ein ganzes Schwadron damit beauftrage? Nun, es gibt Kräfte, die die weiter Annäherung zwischen Thalusa und Khunchom gern verhindern wollen. Außerdem würde die diplomatische Position Khunchoms bei einem öffentlichen Vorgehen stark geschwächt werden. Wir brauchen also Boten, die weitestgehend unbekannt aber zuverlässig sind. Das seid ihr."

'Will der Cavaliere keine Verhandlungen aufnehmen?'`Frumol richtet sich ungläubig ein wenig auf. 'Das ist schließlich der Fürst. Und es geht um die Rettung seines eigenen Sohnes!'

Frumol wirft Randirion einen Seitenblick zu.

'Gibt's denn hier keine Beilunker Reiter? Die sind doch bekannt für ihre Zuverlässigkeit. Oder würden die mehr als 200 Dukaten für den Auftrag verlangen?' überlegt er und runzelt die Stirn während er wieder an dem Tee nippt.

Randirion verbeugt sich erneut.

"Es ehrt uns zur erfahren, welches Vertrauen Euer Hoheit in unsere Fähigkeiten legt."

Er wirft Sephyra und Frumol einen kurzen, bedeutsamen Seitenblick zu.

"Und es wird mir eine Ehre sein, mein Möglichstes zu tun, um Seiner Hoheit, Prinz Selo, aus seiner misslichen Lage zu verhelfen."

Kurz hält er inne, lässt schnell das bisher gehörte Revue passieren und wendet sich wieder respektvoll an den Fürsten.

"Ich hätte gern noch weitere Details erfahren. Existiert am Hofe des Fürsten Ras Kasan eine vertrauliche Kontaktperson, die uns eine Audienz mit Seiner Hoheit ermöglichen könnte?"

'Ja, gute Frage, Kawaljere!' denkt sie.

Ihre Gedanken schweifen bei der Aussicht auf 200 D und ein weiteres Pferd, noch dazu einen Vollblüter schon leicht ab und sie malt sich aus, was sie mit ihrem neuen Wohlstand alles wird anfangen können …

'Wenn Prinz Selo in den Palast gekommen ist, werden Sephyra und ich das schon schaffen. Der Cavaliere wird sicherlich direkt an Tor klopfen …' amüsiert er sich über dessen Fragen.

'Kontaktpersonen - Pah! Wir legen dem Fürsten Kasan das Schreiben einfach direkt aufs Kopfkissen.' schnell greift er wieder nach dem Tee, bevor seine Gedanken zu sehr abschweifen.

Der Fürst schaut ein wenig irritiert, so als ob er denkt: 'Also ich spreche immer direkt mit dem Kollegen!'

Es entsteht ein kurzer Moment peinlichen Schweigens, das von H'rabin gerettet wird.

"Wenn ihr am Fürstenpalast in Thalusa eintrefft, fragt ihr am besten nach den Haushofmeister. So vermeidet ihr es, den Palastwachen den Absender des Schreibens zu offenbaren. Der Haushofmeister wird das Fürstlich Khunchimerische Siegel erkennen und euch sofort zum Fürsten bringen", erläutert er.

Der Cavalliere neigt dem Fürsten gegenüber entschuldigend den Kopf, bevor er seine Aufmerksamkeit H'rabin zuwendet. "Nun, wenn ich noch den Namen dieses Mannes erfahren darf, sollte es ein leichtes sein, ihn aufzufinden. Gibt es sonst noch etwas, das zu wissen uns von Vorteil sein kann, um ein diskretes Vorgehen zu gewährleisten?"

Fragend blickt er H'rabin an und wirft auch einen Blick zu seinen Gefährten hinüber.

Der Fürst schaut wieder Hilfe suchend zu H'rabin und der erklärt nach kurzem Nachdenken: "Vitus von Tann, oder so ähnlich, glaube ich. Aber ich glaube, dass der Name unnötig ist, wenn ihr nach dem Haushofmeister fragt. Am wichtigsten ist, dass ihr niemandem gegenüber erwähnt, was es mit dem Schreiben auf sich hat."

"Den werden wir schon finden." murmelt Frumol zuversichtlich.

Bisher klingt alles recht einfach. Doch was, wenn sie nicht zu Fürst Kasan vorgelassen werden oder dieser den Prinzen trotz des Schreibens nicht gehen lassen will? Dieser Gedanke besorgt ihn etwas, doch sollte er zu Ende gedacht sein …

Der Fürst räuspert sich.

"So, meine Guten, sputet euch! reist so schnell ihr könnt nach Thalusa, zu Fuß, zu Pferd, zur See, Uns soll es egal sein. Die Hauptsache ist, das Schreiben erreicht den werten Adelsbruder rechtzeitig und mein geliebter einziger Sohn wird gerettet!"

'Das war alles?' der blonde Streuner erhebt sich. Er hatte sich eine Audienz irgendwie anders vorgestellt. Vielleicht mit Wein oder einem üppigen Essen …

"Und das Pergament?" wendet er sich an H'rabin.

"Hier ist es." H'rabin überreicht Frumol ein handtellergroßes gefaltetes und gesiegeltes Pergament.

Der schlanke Streuner nimmt das Pergament entgegen und steckt es nach kurzer Betrachtung weg. Es ist gut versiegelt und ohne weitere Aufschrift.

Damit sind die drei entlassen. H'rabin geleitet sie hinaus.

Frumol beschäftigt mehr die Frage, ob sie bei dem Fürsten nicht mehr Lohn hätten herausschlagen können.

"Wo liegt Thalusa eigentlich?" fragt er und beweist damit mangelnde Ortskenntnisse, …

… da er insbesondere vergessen hat, dass er schon einmal von Thalusa nach Khunchom gewandert ist. Nun gut, es gab da einen kleinen Halt bei einer Müllerfamilie.

"Oh, ich dachte Ihr kennt Euch hier aus." H'rabin schaut verwundert. "Thalusa liegt südlich von hier an der Küste. Zu Fuß solltet ihr nicht mehr als 10 Tage benötigen. Eine Schiffsreise sollte nicht mehr als drei Tage dauern, allerdings ist jetzt die Zeit der Altoum-Winde. Die können manchmal Orkanstärke erreichen. Ich rate euch deshalb davon ab, per Schiff nach Thalusa zu reisen."

"Wir werden reiten," mischt sich Randirion ein. "Unsere Pferde sind bei unserer Herberge untergebracht."

Er überlegt kurz.

"Eine Schiffsreise kommt also nicht in Frage. Alors, auf unsere ersten Reise von Thalusa nach Khunchom sind wir an der Küste entlang gekommen, der Weg durchs Landesinnere ist uns noch unbekannt. Was ratet Ihr uns, welcher Weg ist der kürzere oder schnellerer?"

H'rabin zuckt die Achseln: "Da kann ich euch leider nicht helfen. Ich bin bislang immer nur per Schiff nach Thalusa gereist."

Zusammen mit den beiden anderen geht Sephyra zurück in die Herberge.

"Also Freunde," beginnt sie, "wie reisen wir nun nach Thalusa? Am sichersten wäre wohl ein schneller Weg, denn wer weiß, wieviel Zeit wird dort benötigen, um unseren Auftrag rechtzeitig auszuführen. Denn wie sagte mein alter Ohm immer so schön: 'Erwarte das Unerwartete'."

Sie sieht die beiden fragend an.

"Eine gute Frage, Madame Lunos," erwidert Randirion nachdenklich. "Eine Schiffsreise wäre die schnellste Reisemöglichkeit, sie scheidet jedoch, wie Monsieur H'rabin berichtete, wegen der orkanartigen Winde aus.

Demnach könnte auch eine Reise auf der Küstenstraße nicht empfehlenswert sein. Ich würde vorschlagen, wir brechen morgen in aller Frühe auf und nehmen den Weg durchs Landesinnere."

Ganz sicher ist er sich nicht, er geht jedoch davon aus, dass beide Landwege in den Süden nach Thalusa nicht gefahrlos zu bereisen sind.

"Also durch das Landesinnere." stellt sie fest. "Schade, dann sehen wir die Müllersleut' nicht wieder. Andererseits haben wir auch kaum Zeit dafür." meint sie.

"Lasst uns noch Proviant für die Reise besorgen, und dann morgen schnell aufbrechen." schlägt sie vor.

"Die Müllersleute können wir doch auf dem Rückweg besuchen." schlägt Frumol vor.

"Ein gutes Frühstück sollten wir uns noch gönnen. Schließlich hetzt uns keiner und plötzliche Eile würde uns nur verraten, was meint ihr?" fährt er fort.

"Eigentlich wollte ich mir noch einen neuen Wurfdolch kaufen." überlegt er weiter. "Doch das kann auch noch warten."

"Mit zuviel Proviant sollten wir uns nicht belasten, denn an der Straße sollten sich Wirtshäuser zum einkehren finden lassen, oder?" fragt er ein wenig skeptisch. Er hofft, dass er Recht hat, denn er hat keinen Schimmer, wo die Reise lang gehen wird. Doch auch an der Küstenstraße fanden sich genügend Möglichkeiten zum Einkehren, warum sollte es im Landesinneren anders sein?